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Kyotos Tempel sind ein Ort der Ruhe, Spiritualität und Tradition.

Menschenströme fluten die Touristen-Epizentren Kyotos, wie beispielsweise den Fushimi-Inari Schrein oder die Tempel Kiyomizu-dera und Kinkaku-ji. “Boah”, meinte ich zu Marcel, “die haben alle über 25.000 Bewertungen auf Google! Wer bewertet denn ‘n Tempel?!”

Wo ganz sicher keine Spiritualität zu finden ist? Dort, wo alle suchen.

Manchmal sind Google Images schon recht nützlich, beispielsweise dann, wenn man herausfinden möchte, was man sich sparen kann. Und gemeinsam mit 1.000 anderen Touristen ein Foto zu schießen, das dann synchron auf Social Media hochgeladen wird – immerhin habe ich mir keinen Kimono ausgeliehen, obwohl ich gar keine Geisha bin – nee, also darauf kann ich gerne verzichten. Nachdem ich am Rande der Verzweiflung eine geschlagene Stunde nach weniger bekannten Alternativen geschaut habe, nimmt Marcel die Sache in die Hand. “Haste immer noch nichts gefunden?”, stellt er eine rhetorische Frage in Richtung meiner entnervten Gestalt und zückt sein Handy. Fünf Minuten später sind wir unterwegs zu einer kleinen Auswahl an Tempeln, die er in Windeseile – inklusive Route versteht sich – zusammengestellt hat. Aber mal ehrlich, wer kann sich bei möglichen 1.600 Tempeln und 400 Schreinen (insgesamt also 2.000 Destinationen!) ganz spontan eine Handvoll herauspicken?? Eben. Marcel.

Auf dem Weg zu einem der Tempel, die Marcel für uns recherchiert hat.

Auf dem Weg zu einem der Tempel, die Marcel für uns recherchiert hat.

Unser erstes Ziel ist tatsächlich ein Produkt meiner tagelangen Jammerei aus Osaka. “Wohin fahren wir denn jetzt?”, frage ich dumpf, da meine Backe im Bus an der Fensterscheibe klebt, und schaue ihn aus einem Auge gespannt an. “Arashiyama Bamboo Forest”, meint Marcel. “Da wolltest du doch hin, oder?”. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Freude über Marcels Aufmerksamkeit und Horror, da ich von eigenen Recherchen weiß, wie viel dort los ist. Als wir uns den Ziel nähern, entscheide ich mich angesichts der Menschenmassen für letzteres. Der Bus hält, und gemeinsam mit ausnahmslos allen anderen Touristen verlassen wir das Gefährt und lassen uns in Richtung Bambuswald schubsen. Es werden Smartphones gezückt, Selfie-Sticks ausgefahren und Kameras aus ihren Hülsen gezogen, während sich vor jeder Bambusstange eine Fake-Geisha aufstellt und Kommandos an den Fotografen brüllt. Ab und zu rennt ein als Butler bekleideter Japaner mit besetzter Kutsche an uns vorbei – übrigens ein befremdliches Bild: Dort, wo im Normalfall ein Pferd vor die Kutsche gespannt steht, gibt’s in Japan einen Menschen. Warum? Ich weiß es wirklich nicht, möchte den offensichtlich verwirrten Herren aber gerne eine Ohrfeige geben, begleitet mit den Worten “Wach auf! Du bist kein Pferd”. Wir bringen den Bambuswald jedenfalls so schnell wie möglich hinter uns und machen uns auf den Weg zu Marcels zweitem und unserem ersten echten Geheimtipp – und der stellt sich tatsächlich als genau solcher heraus.

Herbstliche Farben, wohin das Auge reicht: Oft ist der Weg das Ziel.

Herbstliche Farben, wohin das Auge reicht: Oft ist der Weg das eigentliche Ziel.

Schon der Weg zum Tempel ist ein echter Traum. Er führt zum Großteil durch ein ruhiges Wohnviertel, zwischen engen Gässchen und unter steinernen Brücken entlang, umgeben von herbstlich gefärbten Landschaften. Man glaubt es kaum: Außer uns sind nur etwa eine Handvoll Touristen unterwegs, die sich entweder verirrt, oder wie wir auf die Suche nach ein bisschen Spiritualität in Kyoto gemacht haben und bei ihrer Recherche auf den sogenannten Otagi Nenbutsu-ji Tempel gestoßen sind.

Eine der 1.200 moosbewachsenen Ratan-Statuen, die nach Erzählungen die Schüler des historischen Buddha darstellen.

Eine der 1.200 moosbewachsenen Rakan-Statuen, die nach Erzählungen die Schüler des historischen Buddha darstellen.

Der Otagi Nenbutsu-ji ist ein Tempel, der sich am äußeren, westlichen Stadtrand hinter den Hügeln von Arashiyama versteckt und eine Sammlung von 1200 einzigartigen und gleichzeitig skurrilen Rakan-Statuen beherbergt. Man sagt, die alten Figuren stellen die Schüler des historischen Buddha dar. Angekommen an unserem Ziel erklärt man uns, dass dieser Tempel ein nur selten besuchter Ort sei – glauben wir sofort, denn die moosbewachsenen Statuen, die sich über das gesamte Areal ziehen, bewachen in absoluter Ruhe einen großen Gebetsraum und mehrere kleine Schreine. Tatsächlich treffen wir auf unserem Rundgang vorwiegend gebürtige Japaner, die zum Beten oder Gedenken zum Tempel gekommen sind. Auf den Köpfen der meisten Ratan-Statuen liegen vereinzelte Münzen; eine Geste, die dem Spender Glück bringen soll. Ich lege je eine Münze für Marcel und mich auf einen der moosbewachsenen Köpfe am Rande des angrenzenden Waldes. Wir verbringen beinahe eine Stunde damit, die Gesichtszüge der vielen individuellen Stein-Gesichter zu studieren, die Ruhe und das Gefühl von echter und greifbarer Spiritualität zu genießen. Mit dem rhythmischen Geplätscher einer Quelle und dem Rauschen der bunt gefärbten Blätter des angrenzenden Waldes im Hintergrund fällt das nicht besonders schwer. Kein Wunder, dass man in Japan und ganz speziell hier in Kyoto so geerdet, naturverbunden und ruhig ist.

Blick vom höchstgelegenen Punkt der Tempelanlage auf das gesamte Areal des Otagi Nenbutsu-ji.

Blick vom höchstgelegenen Punkt der Tempelanlage auf das gesamte Areal des Otagi Nenbutsu-ji.

Eigentlich stand noch ein weiterer Tempel-Besuch auf unserem Plan, letzterer ging aber leider ins Wasser: Nach einem eineinhalbstündigen Marsch durch die entlegenen Wohnviertel Kyotos standen wir gemeinsam mit ein, zwei ebenfalls verwirrten Mitleidenden vor verschlossenen Pforten, um nach kurzem Googeln zu erfahren: Man braucht eine Einladung, um die Anlage besuchen zu dürfen. Der Grund: Im frühen 20. Jahrhundert gab es Probleme mit respektlosen Touristen, weshalb man die Anlage für die Öffentlichkeit nur bedingt zugänglich machte. Tatsächlich vermutet man hinter den moosbewachsenen Türen der Anlage einen der ältesten Zen-Gärte der Welt – wir finden, das ist ein guter Grund, um die Anlage so gut wie möglich zu schützen und machen uns auf den Weg zurück ins Zentrum. Fazit für heute: Oft ist der Weg das Ziel und beherbergt die eigentlichen Überraschungen und schönen Momente, die man eben nicht planen kann.

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