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Bill Yim Zaubertricks und Karikatur

Eine Blondine mit einem Glas Wein in der Hand lacht zähnebleckend von einem dicken Stück DIN-A-4 Papier. “It’s my first trip to Hong Kong and my first riot” steht in dicken Großbuchstaben daneben. Diese einzigartige, handgefertigte Karikatur und eine zerfledderte Pik-5-Spielkarte sind Requisiten, die noch lange nach einem Besuch Hong Kongs an Bill Yim erinnern.

Ein Mann mit Kultcharakter

Bill Yim ist heute laut eigener Aussage 83 Jahre alt, sein Neffe schätzt ihn auf etwa 85. “Keine Ahnung wie alt ich genau bin”, lacht er und nickt dem bernsteinfarbenen Whiskey in seiner Hand zu. Routiniert schwenkt er das Glas und nimmt einen Schluck. “Ist doch egal, oder? Es ändert ja doch nichts, älter werde ich trotzdem”.

Bill Yim ist eine der erstaunlichsten, schillerndsten und exotischsten Persönlichkeite, die Hong Kong vorgebracht hat. Der selbstdeklarierte Magier arbeitete in seiner Blüte als Journalist für diverse hochkarätige Journale, darunter die ehemalige Nachrichtenagentur Reuters (heute Thomson Reuters), United Press International aus amerikanischem Hause oder die Southern China Morning Post, die zu den Leitmedien Hong Kongs gehört.

Bill Yims Zaubertrickkarte und eine originale Karikatur

Eines von Bill Yims vielen glücklichen Gesichtern – original und in nur wenigen Sekunden zu Papier gebracht – und die magische Pik 5 Karte

Yim gilt als der Lucky Luke unter den Kartoonisten, sagt man sich. So schnell, wie Lucky Luke seine Pistole aus dem Holster zieht, zückt Bill Yim seinen Bleistift, mit dem er in sekundenschnelle charismatische Cartoons zu Papier bringt. Seine Bewegungen sind geübt, Gesichtszüge und Emotionen schon nach wenigen Bleistiftstrichen erkennbar. Die fertigen Kunstwerke haben Kultcharakter. Jeder Einwohner Hong Kongs hat Yims unverblümte und für mancher Augen wohl empörende Kritzeleien schon einmal gesehen. Ob als gekonnt illustriert als Augenöffner in einschlägigen Tageszeitungen oder eine freche Kritzelei auf wilden Partys, Bill Yims Karikaturen sind mittlerweile legendär.

Bill Yims ungewöhnlicher Wandel vom Journalisten zum Karikaturisten

Trotz seines indiskutablen Talents kam Yim eher unfreiwillig zum Zeichnen. Während seiner Anstellung bei der United Press International (kurz UPI) schickte man den jungen Journalisten 1960 nach Guanghzou aufs chinesische Festland, wo er ein Interview mit dem Bruder des CIA-Piloten John Downey führen sollte. Downey überlebte einen Schussangriff auf seine Maschine durch das chinesische Militär, wurde aber inhaftiert und befand sich von 1952 bis 1973 in chinesischer Gefangenschaft. Zum Zeitpunkt seiner Inhaftierung war er 22 Jahre alt. Im Rahmen seiner Bemühungen um das Interview klagte man Yim der Spionage an. Er kam ins Gefängnis.

"Das Badezimmer ist ein sehr inspirierender Ort"

“Wenn 24 Stunden lang das Licht brennt und man nur wenige Quadratmeter Raum zur Verfügung hat, wird man kreativ”, erinnert sich der Mann, den die Jahre mittlerweile gezeichnet haben. Das dünne, schlohweiße Haar weht um sein wettergegerbtes Gesicht. Seinen individuellen, frechen Humor hat er durch seine Zeit in Gefangenschaft aber nicht verloren – ganz im Gegenteil. Yim, zu unrecht hinter Gittern und mit entsprechend reinem Gewissen, langweilte sich in seinem Käfig fast zu Tode. Irgendwann fing er an, auf Klopapier herumzukritzeln und entwickelte seinen einprägsamen, etwas vulgären Stil, dem er bis heute treu bleibt.

“Das Bad ist ein sehr inspirierender Ort”, lacht er leise in sich hinein.

Nach 12 Monaten in Haft ließ man Yim überraschend frei. “Meine Fänger kamen zu dem Schluss, die CIA würde niemals jemanden rekrutieren, der so verrückt wäre wie ich und haben mich gehen lassen”, so Yim. Ob das wirklich die Wahrheit ist? Das weiß vielleicht nicht einmal er selbst.

Für den geschätzten Journalisten markierte die einschneidende Zeit im chinesischen Gefängnis eine Kehrtwende in seinem Leben. Dem Schreiben kehrt er einige Jahre später den Rücken und widmet sich voll und ganz seinem neu entdeckten Talent: Zeichnen. Jedes Porträt, das Bills Bleistift entspringt, ist gespickt mit seinem konfusen, absolut eigenen Sinn für Humor. Er legt seinen Modellen unverschämte Worte in den Mund, gibt ihnen irrwitzige Charakterzüge, verändert ihr Wesen ins Skurrile – das alles in Sekundenschnelle.

Über 40 Zeichnungen schaffe er innerhalb einer Stunde, behauptet Yim stolz. Die Zeit nach seiner Anstellung als Journalist verbringt er hauptsächlich mit Reisen und spielt dabei eine Art Botschafter für Hong Kong. Überall unterwegs trifft er auf Menschen, kommt mit ihnen ins Gespräch und entkräftet alte Vorurteile und falsche Vorstellungen, die man sich über den unergründlichen Orient zusammengeschustert hat.

Wie Oyster Sauce Yims Leben nachhaltig veränderte

Eine wichtige Station auf seiner Reise im Jahr 1986 war der Hong Kong Pavilion in Vancouver, damals im Bau für die Expo ’86. Die Stadt und die geplanten Shows faszinierten ihn so sehr, dass er ein Teil davon werden wollte. Bei seiner Rückkehr nach Hong Kong unterbreitete er den Organisatoren des Events den Vorschlag, selbst aufzutreten und sein Talent zu präsentieren – seine individuellen Karikaturen. Man sagte zu unter der Bedingung, sich um seine Sponsoren selbst zu kümmern, da die Budgetierung bereits abgeschlossen sei.

Dass Kreativität durch Yims Adern fließt, wird spätestens jetzt klar. Er erinnert sich an eine mit Werbung für diverse Produkte dekorierte Tram aus Hong Kong, die auf der Vancouver Expo ausgestellt wurde, und klemmt sich hinters Telefon. Ausgerechnet Lee Kum Kee, ein Lebensmittelunternehmen, dass sich auf die Herstellung von “Oyster Sauce” sowie andere chinesische und asiatische Soßen spezialisiert hat, ist begeistert von Yims individuellem Charakter und bietet ihm ein Sponsoring an. Wie die Soßen-Hersteller profitieren: Jede originale Bill Yim-Karikatur, die den Bleistiften des Neu-Talentes entspringt, ist auf der Rückseite mit dem Schriftzug des Unternehmens bedruckt, schlägt der Cartoonist vor. Der damalige Chef des Unternehmens erkennt das ungeheure Potential hinter Yims Idee und beißt sofort an.

Der Künstler macht sich auf den Weg nach Vancouver, in der Tasche hat er 4.000 Blatt einseitig bedrucktes Papier, 600 Stifte und ein festes Monatsgehalt. In Kanada angekommen zeichnet Yim in Rekordschnelle eine Karikatur nach der anderen und macht sich mindestens genauso schnell einen Namen. Sein Erfolg auf der Expo spricht sich herum und Yim wird international als Promoter für Hong Kong engagiert. Seine einzigartigen Karikaturen sind willkommene Lacher auf Firmenessen, Partys und anderen Events.

Bleibt noch die Pik-5-Karte. Zerfleddert und vom vielen Benutzen abgewetzt liegt sie da, in die Mitte ist ein rechteckiges, bewegliches Stück geschnitten. Bill hebt die Karte hoch, sodass jeder sie sehen kann. “Passt gut auf.” Und er legt los. Wer versucht, auf die Lösung seiner Kartentricks zu kommen, strengt sich vergeblich an – vielleicht ist es wirklich Magie.

Die Pik 5 ist nur eine von vielen Spielkarten und Zaubereien, die bei abendlichen Pub-Besuchen oder Gesprächsrunden, gemeinsam mit Yim, im Zentrum des Geschehens stehen. Ein besonders verstörendes Beispiel seiner Zauberkunst: Yim lässt, vor den Augen seiner Beobachter, die jedem seiner Handgriffe genau folgen, ein Papiertaschentuch anzünden.

Yim beginnt einen seiner Zaubertricks

Bill beginnt seinen Trick: Er lässt ein Papiertaschentuch mit einem Feuerzeug anzünden.

Die Stelle, in die das Feuer bereits rußige Löcher gebrannt hat, ist für alle sichtbar. Yim löscht die Flamme mit den bloßen Fingern und wedelt kurz mit dem Tuch. Vorsichtig faltet er das Papiertuch mit den Händen auseinander.

Bill Yim zeigt seinen Zuschauern das unversehrte Taschentuch

Bill zeigt seinen Zuschauern das trotz Feuer unversehrte Taschentuch.

Es ist unversehrt. Wie das funktionieren kann?, fragen seine teils ungläubigen, teils misstrauischen Zuschauer mit offenen Mündern.

“Magie”, lacht er. “Wenn man in China im Gefängnis sitzt, fängt man an, an die Magie zu glauben”, sagt er.

Auch Bills Karikaturen sind Magie. Sie schaffen es, Menschen so darzustellen, dass sie die Gezeichneten zum Lachen bringen, sie verlegen machen, vielleicht sogar erröten lassen. Auf die Frage, warum es vorwiegend Porträts sind, die er zeichnet, hat er eine ebenso entwaffnende wie einleuchtende Antwort.

“Jeder Mensch hat ein schönes Gesicht, wenn er lacht”.

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