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Hong Kong Skyline

Hong Kong. Es ist Montag, der 1. Juli. Das Wetter ist wundervoll, die Sonne strahlt und die Luft ist frei vom für Hong Kong üblichen Smog. Solches Wetter gibt es in der Millionenmetropole am südchinesischen Meer eher selten.

Die Sonne spiegelt sich in den verglasten Fronten der Wolkenkratzer. Hier im Central Business District Hong Kongs ist es ruhig, es sind kaum Menschen auf der Straße. Unser Weg führt uns durch das vor allem bei jungen Menschen beliebte SoHo, bevor es durch den botanischen Garten auf den Weg nach Downtown geht. Auch hier wirkt die Stille heute schon beinahe surreal. Abgesehen von zwei älteren britischen Touristen, die ebenfalls etwas unbehaglich dreinschauen, sind wir allein.

Straßen am 1.6.2019

Die Straßen im Zentrum Hong Kongs sind ungewöhnlich ruhig

Auf dem Rückweg zum Hotel in Wan Chai auf der anderen Seite der Innenstadt begegnet uns eine Gruppe junger Menschen, die kanisterweise Trinkwasser unter eine nahe gelegene Brücke schleppen. Vor allem ihre Kleidung ist auffällig: Schwarze Shirts, schwarze Hosen, dazu gelbe Helme mit provisorisch aufgeklebtem roten Kreuz, die Arme dick umwickelt mit mehreren Schichten Frischhaltefolie. Die Verwirrung steht uns ins Gesicht geschrieben.

Für die Millionenmetropole ist das ein sehr seltenes Bild. Hong Kong ist eine der dichtbesiedeltsten Regionen der Welt, über 6.400 Menschen kommen durchschnittlich auf einen Quadratkilometer. Hong Kong ist laut, je nach Stadtviertel sehr schmutzig, voller Menschen und damit ein Schmelztigel verschiedenster Kulturen und Interessen. Die Großstadt ist nicht nur das Finanzzentrum Asiens, sondern auch der kulturelle und kreative Treffpunkt Menschen jeden Alters. Der Grund: Hong Kong pflegt ein in Asien sehr seltenes Privileg, nämlich die Meinungsfreiheit.
Dieses Alleinstellungsmerkmal ist gleichzeitig Segen und Fluch für Hong Kong. Ein kurzer Exkurs in die Geschichte der Weltmetropole macht diesen Sachverhalt etwas verständlicher.

Exkurs: Die Geschichte Hong Kongs

Wir schreiben das 19. Jahrhundert. China beginnt, den Handel mit der Außenwelt – vornehmlich mit den damaligen Kolonialmächten, allen voran Großbritannien – aufzunehmen. Als Zahlungsmittel wird anfangs nur Silber akzeptiert, ein Gut, das auch für die Briten teuer war und dringend benötigt wurde. Als China in den 1820er Jahren beginnt, Opium als Zahlungsmittel zu akteptieren, nutzt Großbritannien die Chance, das günstig in Indien hergestellte Rauschmittel zum Bezahlen zu nutzen, um Handel mit dem chinesischen Kaiserreich zu treiben. Durch die so entstandene „Opium-Flut“ in das Land entsteht in den folgenden Jahren eine Krise im Kaiserreich, da große Teile der Bevölkerung dem gefährlichen Rauschgift verfallen. Der damalige Kaiser Daoguang reagiert und verbietet den Opiumhandel, indem er sämtliche Vorräte beschlagnahmen und verbrennen lässt.
Großbritannien hingegen weigert sich, billiges Opium zu nutzen und will zurück auf teures Silber umsteigen. Damit blockieren die Briten wichtige Handelsrouten Chinas – eine Aktion, die zum ersten von insgesamt drei Opiumkriegen führt.

Kriegsschiffe im Ersten Optiumkrieg

Das East India Company Dampfschiff Nemesis zerstört ein chinesisches Schiff im ersten Opiumkrieg am 7. Januar 1841

China erklärt den Krieg im Jahr 1842 vorerst für beendet. Durch den Vertrag von Nanjing im Jahr 1842 gibt China Hong Kong Island und Aberdeen an die britische Regierung ab und öffnet ihre Häfen wieder für den Handel.
Zum zweiten Krieg kommt es im Jahr 1854. Grund ist der sogenannte „Arrow-Zwischenfall“: Die Chinesen überfallen ein Schiff mit britischer Flagge, in welchem Großbritannien mit der Hilfe Frankreichs eine weitere Öffnung Chinas erzwingen und die Legalisierung des Opiumhandels erreichen möchte.
Im zweiten Vertrag, dem Vertrag von Tianjin, muss China auch den südlichen Teil Kowloons und Stonecutters Island an die Briten abgeben. In einem  dritten und letzten Vertrag zwingt Großbritannien China letztendlich, die “New Territories” sowie 230 weitere Inseln für insgesamt 99 Jahre an Großbritannien abzugeben.
In den 1960er Jahren wird Hong Kong durch die Unruhen im Nachbarland China durchgeschüttelt – Verfechter des Kommunismus zetteln im Jahr 1967 einen Aufstand gegen die britische Kolonialregierung an, unterstützt durch die chinesische Volksarmee. Der Aufstand scheitert.

1982 beginnen die Gespräche zwischen Großbritannien und China, in welchen die Bedingungen der Übergabe geregelt werden sollen.
Diese münden 1984 in einen gemeinsamen Vertrag, der vorsieht, Hong Kong im Jahr 1997 zurück an China zu übergeben. Durch das sogenannte “Duale System” – ein Land, zwei Systeme – sollen Hong Kong bis ins Jahr 2047 aber Autonomierechte gewährt werden.

Im Jahr 1997 wird Hong Kong zurück an China übergeben, was den Startpunkt des dualen Systems markiert.
Der in den letzten Jahren stark gewachsenen chinesischen Regierung ist diese Lösung jedoch zunehmend ein Dorn im Auge, da es nicht der Vision Chinas von einem vereinten Land – inklusive den eigentlich (semi-)autonomen Staaten Hong Kong, Macau und Taiwan – entspricht. Dementsprechend werden ab den frühen 2000ern viele kleine Schritte unternommen, um Hong Kong näher an China zu binden.

2014 gibt die chinesische Regierung bekannt, dass die Kandidaten für den Verwaltungschef Hong Kongs, der ab 2017 per Direktwahl bestimmt werden sollen, durch China vorselektiert werden. Das sorgt dafür, dass Hong Kong seine ersten Massenproteste erlebt: die sogenannten „Regenschirmproteste“. Namensgebend sind die Regenschirme, die von Protestierenden zum Schutz vor von Polizeikräften verwendetem Pfefferspray aufgespannt werden. Die Proteste galten weltweit als Vorbild friedlicher Protestmärsche. Über die Jahre lässt deren Unterstützung allerdings nach und die Proteste enden ohne merkliche Änderung der Regierungsweise. Einige Anführer der Proteste werden in den folgenden Jahren zu Haftstrafen verurteilt, so beispielsweise der heute 23-jährige Joshua Wong, der erst im Juni diesen Jahres aus seiner mehrjährigen Haftstrafe entlassen wurde.

Im April 2019 bringt die als pekingtreu geltende Regierungschefin Carrie Lam einen Gesetzentwurf für ein Auslieferungsgesetz, die sogenannte „Extradition Bill“, ein. Dieses Gesetz erlaubt es der Regierung, von China verdächtigte Personen aus Hong Kong an das chinesische Festland auszuliefern. Dadurch bekäme China theoretisch die Möglichkeit, sämtliche „Störenfriede“ als verdächtig einzustufen und sie in China rechtskräftig zu verurteilen.

Im Juni 2019 eskaliert die Situation. Aus Angst vor den Folgen des Gesetzes, welches nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern unter anderem auch die künstlerische Freiheit sowie pekingkritische Oppositionen massiv einschränken oder sogar verbieten könnte, gehen täglich Millionen von Menschen auf die Straßen und protestieren friedlich gegen den Entwurf. Diese Demonstrationen bringen Carrie Lam dazu, den Gesetzentwurf auf Eis zu legen, allerdings wird er nicht vollständig zurückgezogen. Dieses „auf Eis legen“ erlaubt es der Regierung, den Gesetzentwurf jederzeit wieder aufzunehmen und in nur wenigen Schritten in die Realität umzusetzen.

Der Hong Kong Special Administrative Region Establishment Day

Fast Forward: Zurück zum 1. Juni 2019. Dieser Tag markiert den Nationalfeiertag Hong Kongs (orig. Hong Kong Special Administrative Region Establishment Day), an dem ursprünglich die Übergabe Hong Kongs an China zelebriert wird. Seit der Übergabe im Jahr 1997 gibt es an diesem Tag traditionell friedliche Protestmärsche der Civil Human Rights Front durch die Innenstadt, im Rahmen dessen Einwohner für Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit sowie weitere Freiheitsrechte des Einzelnen demonstrieren. Durch die jahrzehntelange britische Administration haben sich viele Bewohner Hong Kongs mit deren demokratischen Werten identifiziert, die von China aber nicht unbedingt gestützt werden.

Junge Menschen in schwarzen T-Shirts richten eine Erste Hilfe Station mit Wasser, Eis und Medikamenten ein

Die Brücke, unter der die jungen Menschen in Schwarz die Wasserflaschen zu Hunderten zusammentragen, um eine provisorische Erste Hilfe-Station für Demonstrierende zu errichten, ist direkt in Admirality, dem Regierungsviertel. Nur wenige Meter entfernt steht ein Altar, an dem Menschen einem Demonstranten gedenken, der wenige Tage zuvor von einem Gerüst fiel und den Sturz nicht überlebte. Viele beschleicht eine Vorahnung: Diesmal sind die Proteste anders – es liegt Verzweiflung in der Luft. Je weiter man Richtung Wan Chai kommt, desto mehr Menschen trifft man, die sich auf den friedlichen Marsch vorbereiten. Überall werden Schilder verteilt, welche die Absetzung Carrie Lams skandieren oder dazu auffordern, für die Freiheit und das duale System einzustehen.

Vereinzelt versuchen pekingtreue Gegendemonstranten (meist im höheren Alter)l gegenzusteuern und beschimpfen junge Demonstranten wüst. Diese lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen und zeigen keinerlei Aggression – bemerkenswert. Eine ältere Pro-Pekingdemonstrantin erntet für ihr Verhalten lediglich einige mitleidige Blicke.
Einige Schritte weiter finden wir uns plötzlich mitten im Demonstrationsmarsch wieder: Es wird gerufen und skandiert, Plakate werden geschwenkt und bedruckte Shirts verteilt. Die Verbundenheit, die diese abertausenden Menschen miteinander einen, ist beinahe greifbar: Hier sind alle gemeinsam unterwegs, vom Kleinkind, schlafend auf der Schulter des Vaters, über Studenten und Arbeitnehmer bis hin zu älteren Damen und Herren – sogar ein Pudel ist anwesend und unterstützt sein Herrchen moralisch.

Eltern bringen ihre Kinder mit zum friedlichen Demonstrationsmarsch

Demonstranten in Hong Kong

Hunderttausende Bewohner Hong Kongs demonstrieren am Nationalfeiertag Hong Kongs im jährlichen Friedensmarsch

Die Demonstration verläuft friedlich und scheinbar ohne Polizeiaufgebot. Ein Anblick, der auf Europäer vermutlich befremdlich wirkt; wird doch bereits jede kleinere Demo von beachtlichem polizeilichem Aufgebot begleitet. Aber Polizeipräsenz ist auch nicht notwendig, da diese Demonstration ein Miteinander schafft, welche jegliche Aggression gegenüber einzelnen Individuen verpuffen lässt. Es geht vornehmlich um das Auslieferungsgesetz, aber auch Vertreter von „Rettet die Bienen“ oder einem Alzheimerspendeverein sprenkeln sich mit ihren Anliegen unter die Demonstrierenden.
Lernen kann man daraus vor allem Eines: Demonstrieren muss nicht zwangsläufig gewaltsam sein. Trotz etwa 300.000 Menschen ist die Stimmung beherrscht, gewaltfrei.

Langsam kämpfen wir uns gegen den Strom zu unserem Hotelzimmer vor. Von oben aus sehen wir die Protestierenden noch viele Stunden später vorüberziehen, der Strom scheint kein Ende zu nehmen.

Die Demonstranten marschieren langsam von Wan Chai in den Business District

Parallel dazu zeigen  Fernsehprogramme komplett andere Bilder. Im Regierungsviertel, dem Endpunkt des Marsches und Ort des Legislative Council (kurz LegCo), also das Regierungsgebäude befindet, scheint die Lage zu eskalieren. Tausende, meist junge, Menschen lassen ihren Frust gegenüber der Politik direkt vor dem Gebäude aus: Ein Ort, der offiziell nicht zum Demonstrieren freigegeben wurde. Konflikte zwischen Polizeikräften und Vertretern der Human Civil Rights Front führen schließlich zur Eskalation: Bilder von pekingtreuen Hong Kong Chinesen, die versuchen, Demonstranten auf Video aufzunehmen, fluten den Bildschirm. Der Grund: Man möchte die „Übeltäter“ später identifizieren und zur Rechenschaft ziehen können. Gereizte, verängstigte Demonstranten zerstören Smartphones und Kameras mit belastendem Material. Eine nachvollziehbare Reaktion, steht auf sogenanntes „rioting“ – was auch unangekündigte Demonstrationen einschließt – bis zu zehn Jahre Haft. Die Stimmung heizt sich spürbar auf, nachdem am Morgen Demonstranten gewaltsam auseinander getrieben wurden, die sich Zugang zu der Übergabezeremonie verschaffen wollten.

Ein düsterer Abend für Hong Kong

Abends verlassen wir das Hotel und gehen über die nun wie leer gefegten Straßen, durch die sich wenige Stunden zuvor noch tausende Menschen gedrängt haben. Unser Ziel ist ein nahegelegener Pub. Es herrscht eine fast gespenstische Stille. Der Pub ist gut besucht, doch fast niemand spricht, lediglich die Bildschirme der Bar informieren via Livestream über die Geschehnisse am LegCo Gebäude, nur 300 Meter weiter. Ein erschöpft aussehender Mann mit Kameraausrüstung sitzt in sich gekehrt auf einem Barhocker, neben ihm liegt einer der ikonischen gelben Helme, die Demonstrierende als Erkennungszeichen und Schutz tragen.

Wir sprechen ihn an und sind nur Minuten später tief in ein Gespräch mit einer bunt gemischten Truppe aus Journalisten, einem Kameramann, einem Tontechniker und einem Filmproduzenten verwickelt.  Man tauscht sich aus, erzählt, klopft sich mitleidig auf die Schulter, spricht sich Mut zu und versucht das, was sich nur wenige Meter weiter abspielt, irgendwie zu begreifen. Im Gespräch werden die Gründe und Motive des Unmutes  plötzlich viel deutlicher.

Bill, ein 83-jähriger Journalist und Karikaturist mit eindrucksvoller Lebensgeschichte, erzählt uns von seinem Jahr in China – das verbrachte er im Gefängnis, da seine journalistische Tätigkeit als ein Fall schwerer Spionage eingestuft wurde. Die Verzweiflung und die Angst vor der ungewissen Zukunft ist beinahe greifbar, vor allem um die Kultur ihres Heimatlandes Hong Kong bangen die jungen – und auch die alten – Männer. Je später der Abend wird, desto dramatischer wird die Stimmung. Die Bildschirme zeigen verstörende Bilder von Demonstranten, die dabei sind, gewaltsam in das LegCo Gebäude einzudringen. Man hört Glas bersten, Lärm und Schreie. Billy und seine Freunde verfolgen das Geschehen minütlich auf ihren Smartphones. Bier und Whisky sollen dabei helfen, das Geschehen besser zu verarbeiten.

Neben mehreren Fernsehübertragungen werden Smartphones zwischen Biergläsern aufgestellt, die das Geschehen Live via Facebook und Co. übertragen

Erneut ändert sich die Stimmung schlagartig: Das Gebäude soll jeden Moment von hunderten Polizisten gestürmt werden – Polizeikräfte, die noch nicht da waren, als die Demonstrierenden sich gewaltsam Zugriff in das Gebäude verschafften. Ein abgekartetes Spiel?

“Wie kann es sein, dass wir hier Bier trinken, und die Menschen, die für unsere Freiheit kämpfen, werden bestraft? 300 Meter weiter stürmen sie das Gebäude!“

Polizeibusse und Krankenwägen passieren den Pub mit Sirenengeheul.
“Wie kann es sein, dass wir hier Bier trinken, und die Menschen, die für unsere Freiheit kämpfen, werden bestraft? 300 Meter weiter stürmen sie das Gebäude!“, klagen Dominic und Billy, die noch wenige Stunden zuvor unter den Demonstrierenden waren.

Im Pub verfolgen wir im sicheren Abstand die nächtlichen Geschehnisse im LegCo Gebäude

Auf den Bildschirmen verfolgt man mit gespannten Mienen, wie das Gebäude mit Tränengas, Gummigeschossen und Schlagstöcken geräumt wird. Nun machen auch die Folien-Wickel um die Arme Sinn: Ein Schutz vor Pfefferspray.
Wie man in so einer Situation Trost spenden soll? Keine Ahnung. Wenn man weiß, dass man selbst, ein Tourist, das Land wenige Tage später wieder verlässt, ist es etwas anderes. Die Einwohner Hong Kongs müssen – und wollen – bleiben. Ein merkwürdiges Gefühl.

Am frühen Morgen verlassen wir die Bar, in dem Wissen, dass dieser Albtraum für uns am nächsten Tag ein Ende hat.

Am nächsten Abend verlassen wir den kleinen Inselstaat – egal wie es weitergeht, Hong Kong wird nie wieder so sein wie früher.

Für die knapp 7,4 Millionen Einwohner Hong Kongs gilt das leider nicht. Diese Menschen haben Angst, das zu verlieren, was in weiten Teilen Europas als selbstverständlich gilt: Menschenrechte, Freiheit und Individualität. Was man ihnen wünschen kann? Man weiß es nicht. Im Optimalfall bleibt die Autonomie, das sogenannte duale System, in der nächsten Zeit bestehen – unwahrscheinlich. Und selbst wenn: Spätestens 2047 ist Hong Kong vollständig in China integriert, was die Auflösung der Autonomiezone bedeutet.

Mehr zu den Protesten sowie aktuelle News finden Sie auf Englisch bei der South China Morning Post.

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