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Hong Kong Hochhaus

Willkommen in der Stadt mit der höchsten Wolkenkratzerdichte der Welt. In 484 Metern Höhe verschwindet die Spitze des International Commerce Centre in Kowloon, Hong Kong über der regenverhangenen, grauen Wolkendecke. 2010 wurde das Gebäude fertiggestellt, nun reiht sich auf 118 Etagen Büro an Büro, Hotelzimmer an Hotelzimmer – die insgesamt 312 Räume für Gäste des Ritz-Carlton Hotels befinden sich allein in den Stockwerken 102-118.

Es ist nur eines von insgesamt 1.302 Hochhäusern, die das charakteristische Bild der Megastadt Hong Kong prägen: Wo keiner der grauen, nur durch winzige Fenster im Beton unterbrochenen, Wolkenkratzer steht, winden sich mehrspurige Straßen durch die Stadt.

Wolkenkratzer

Oft muss man den Kopf in den Nacken legen, um den Himmel zu sehen.

Über 350 Hochhaus-Gebäude weisen eine strukturelle Höhe von über 150 Meter auf – ein fragwürdiger Rekord, wenn man bedenkt, dass mit jedem neu gebauten Skyscraper die Fläche bebaubaren Grundes schwindet. Aber nicht jedes neue Projekt dient der Schaffung neuer Wohnräume. Dabei wird genau dieser bedrohlich knapp. Durch die enorme Wohnungsknappheit schießen die Mietpreise rapide in die Höhe und katapultieren den Staat auf Rang eins der Länder mit den teuersten Mietpreisen der Welt. Preise, die sich nur wenige leisten können: Jeder dritte Bürger Hongkongs haust in einem Sozialbau. Mitte 2018 schätzt das Land seine Einwohnerzahl auf knapp 7,45 Millionen bei einer Bevölkerungsdichte von 6.429 Einwohner pro Quadratkilometer, wobei Kowloon gemeinsam mit dem Norden von Hong Kong Island – zwei Stadtteile, die lediglich durch eine Meerenge voneinander getrennt werden – die am dichtesten besiedelten Flächen darstellen.

Hong Kongs Hochhäuser sind nicht Attraktion, sondern Notwendigkeit

Warum Hong Kong jeden Höhenmeter nutzen muss, hat aber einen Grund: Es geht schlicht und einfach nicht anders. Die Landfläche erstreckt sich über etwa 1.110 Quadratkilometer, doch längst nicht alle Gebiete eignen sich für den Hausbau. Gerade auf Hong Kong Island, wo der bebaubare Grund durch das Meer natürlich und unweigerlich begrenzt wird, ist das ein enormes Problem. Vom Flughafen kommend zeigt sich dem Besucher ein befremdliches Bild: Hochhaussiedlungen, bestehend aus oft mehr als 25 absolut identischen Gebäuden, sieht man auf dem Weg in die Stadt nicht nur einmal – Gebäudekomplexe, die ihren tausenden Einwohnern jegliche Individualität rauben. Die Wohnbauten befinden sich ein gutes Stück außerhalb des Stadtzentrums. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, wird das Zentrum einer Großstadt meist von überteuerten Preisen beherrscht, bei denen die Bürger nicht mithalten können.

"Wenn ich wirklich Freiraum haben will, muss ich raus in die Stadt oder in Parks, sonst fällt mir die Decke auf den Kopf.“

Hong Kong schafft es aber dennoch, teure Preise auf ein ganz anderes Level zu bringen: Während man für eine Wohnung im Münchner Stadtzentrum im Durchschnitt unverschämte 10.019 Euro pro Quadratmeter hinlegen muss, zahlt man für in Hong Kong in vergleichbarer Lage umgerechnet 26,351 Euro – eine schwindelerregend hohe Summe.

Dichte Hochhäuser

Enge Gassen führen durch die dunklen Hochhausschluchten.

„Ich habe mir vor Kurzem eine Wohnung gekauft – ein winziges Einzelzimmer in Kennedy Town, dafür habe ich umgerechnet etwa eine Million US-Dollar gezahlt“, verrät Billy, mit dem wir in einem kleinen Pub ins Gespräch kommen, etwas geknickt. Eine Summe, von der man sich anderswo ein prächtiges Haus mit Garten in zentraler Lage bauen könnte, reicht in Hong Kong für ein kleines Zimmer am westlichen Ende der Stadt. Mit seinem Kauf kann Billy sich dennoch glücklich schätzen: Nicht viele können sich hier Eigentümer einer Wohnung nennen. „Zuhause bin ich aber kaum“, so Billy weiter, „es ist einfach zu wenig Platz. Wenn ich wirklich Freiraum haben will, muss ich raus in die Stadt oder in Parks, sonst fällt mir die Decke auf den Kopf.“

Tatsächlich scheint sich der Hauptteil des Hongkonger Lebens auf dessen Straßen abzuspielen: In jeder noch so engen Gasse trifft man auf Menschen, die sich vermutlich lieber draußen aufhalten, als in ihre zellenartigen Behausungen zurückzukehren. Künstliche Beleuchtung, kaputte Neon-Schilder mit penetrant blinkenden Aufschriften und ein Wechsel aus feucht-tropischer und kalter Klimaanlagen-Luft prägen das Stadtbild. Wo Hong Kongs Geld wirklich liegt, wird klar, wenn man einmal von der anderen Seite der Insel auf den Hafen schaut: Alles, was als Firma Rang und Namen hat, reiht sich so weit vorne wie möglich am Hong Kong Island Harbour auf. Leuchtende Reklameschilder verkünden die Namen der Großkonzerne, deren Mitarbeiter hinter winzigen Bürotischen durch verdunkelte Glasfronten nach draußen in die zum Greifen nahe und doch so ferne Freiheit schauen, um das Geld für die identitätslosen Fassaden zu verdienen, die sich Seit an Seit hier aufreihen und Millionen Besuchern pro Jahr eine aufregende Aussicht bieten. Kaum ein Gebäude überzeugt durch eine besonders auffällige Architektur, es geht nur darum, dabei zu sein – mitzuspielen im Spiel der Reichen, die Hong Kongs Stadtbild zu dem machen, was es ist – ein reines Wirtschaftsinstrument. Fläche für die Bauten der Geldgeber ist da, die Einwohner haben das Nachsehen und müssen sich im Schnitt auf sieben bis neun Quadratmetern Fläche einpferchen – ein Zustand, den man in Europa als menschenunwürdig beschreiben würde.

Straße durch Hochhäuser mit Klimaanlagen

Viele der Häuser, in denen sich die schmalen Kammern der Einwohner befinden, sind bereits in die Jahre gekommen. Aus alten Klimaanlagen tropft das Kondenswasser.

In den unteren Stockwerken verkaufen Luxus-Malls teure Handtaschen und Kostüme, an der Hafenfront arbeitet man verzweifelt an den Aktienkursen für morgen – und irgendwo hinten, dort, wo sich schon niemand mehr für interessiert, dort leben die Bürger Hongkongs unter Bedingungen, die so schlecht sind, dass sich einem der Magen umdrehen möchte. Dorthin gelangt der durchschnittliche Besucher aber nur zufällig, denn den „armen Touristen“ möchte man diesen Anblick nicht zumuten.

Für mein winziges Einzelzimmer in Kennedy Town habe ich umgerechnet etwa eine Million US-Dollar gezahlt."

Das würde ja nur den Appetit verderben, und die überteuerten Restaurants würden ihren Profit einstürzen sehen, wie die Armen ihre spärlichen Behausungen. Blödes Wortspiel? Vielleicht, gleichzeitig wünscht man sich, den Worten wäre weniger Wahrheit inhärent.

Gasse mit roten, chinesischem Lampions

Hong Kong ist eine traumhafte Stadt mit vielen schönen Ecken. Schade, dass viele ihre Zeit nur deshalb im Freien verbringen, weil sie ansonsten in ihre “Käfige” zurückkehren müssten.

Die Wohnungsknappheit wird für junge Menschen zur Existenzangst

Ein kurzer Ortswechsel: Die Shopping-Mall im Herzen der Stadt, dem Times Square. In einer der großen Shopping-Malls gibt es aktuell eine Sonderausstellung einer Grundschule, deren künstlerisch wertvollste und mit namhaften Auszeichnungen versehenen Bilder für die Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Die jungen Künstler sind zwischen 12 und 16 Jahre alt. Alle Bilder sind individuell und bilden unterschiedlichste Stimmungen und Sachverhalte ab, doch eines eint sie alle: Die abgrundtief depressive Grundstimmung, eingefangen durch zaghafte Bleistiftstriche und Aquarellfarben. Häufige Themen sind ungeheure Angst vor der Zukunft, Perspektivlosigkeit, Leistungsdruck und – die ausweglose Wohnsituation.

Gemälde eines engen Raumes

Dieses Gemälde stammt von einem 14-jährigen Jungen. Es zeigt die bedrückende und scheinbar ausweglose Wohnsituation in Hong Kong aus der Vogelperspektive.

In Zusammenhang zu Letzterem sticht ein schwarz-weiß-Gemälde besonders ins Auge. Auf vier DIN-A4-Papieren sitzt jeweils in der Mitte ein Miniaturgemälde, jedes davon bildet eine der winzigen Zellen ab, die Menschen ihren Wohnraum nennen müssen. Aus der Vogelperspektive sieht man einen alten Mann, der aufgrund von Platzmangel seine Arme und Beine angewinkelt auf einer unbequemen Pritsche liegen muss, Kartons und spärlich bestellte Schränke drohen über ihm einzustürzen. Ein anderes Bild zeigt einen jungen Mann, der auf seinem Bett hockt, um ihn herum vergitterte Fenster und ein Schild, auf das in Fettdruck eine Ziffer gedruckt steht: 18. Hier stehen keine Namen mehr im Vordergrund, die Menschen, die hier Hausen, sind lediglich Nummern ohne Gesicht. „Die Ameisen, die über die weiße Fläche des Papiers bis hin zu meinen Miniaturgemälden laufen, repräsentieren die Hilflosigkeit und Machtlosigkeit von Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen in der Stadt. Für sie gibt es keine Möglichkeit auf ein richtiges Zuhause.“, beschreibt die Künstlerin ihr Werk. „Die Bilder sind deshalb so klein, damit die Betrachter ein Mikroskop nutzen müssen, um wirklich zu sehen, was abgebildet ist – ebenfalls ein Abbild der Realität“. Eine erschreckende Beschreibung, niedergeschrieben von einer 13-Jährigen.

Hong Kong hat einiges wiedergutzumachen, in erster Linie an seinen Einwohnern – vielleicht dient die nächste Investition besser dazu, Hong Kongs Bürgern ein Stückchen ihres geliebten Heimatlandes zurückzugeben.

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