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Wasserfall in Kanada

Wir alle wissen gerne Bescheid: Wo gibt es das beste Restaurant in der Stadt, welche Wanderwege führen mich zu besonders schönen Zielen, welcher Strand in der Region macht sich auf Instagram am Besten und wo gibt es eigentlich den leckersten Kaffee in XY? Moderne Apps machen es einem leicht und man hat ungehindert Einsicht auf die Lieblinge all derjenigen, die bereits schon dort waren, wo man selbst gerne wäre. Aber ist ein Kaffee wirklich nur dann gut, wenn bereits 427 Menschen gesagt haben, dass er schmeckt? Und ist es nicht eigentlich paradox, einen Ort als “besonders schön für Social Media” zu kategorisieren, aber all die herrliche Natur dann, des besten Winkels wegen, nur durch die Kameralinse zu sehen, statt die gottgegebenen Augen zu benutzen? Die einst so wichtige Individualität weicht dem, was von der Allgemeinheit genehmigt wurde. Früher wollte man noch als erstes an einem schönen Ort gewesen sein, heute ahmt man nach, was am Meisten Anklang auf Instagram & Co. findet. Stichwort: Warst du überhaupt dort, wenn du kein Foto davon hast?

Maligne Canyon

Den Maligne Canyon haben uns Einheimische als Tipp gegeben, nur wenige Stunden bevor wir zum Jasper Nationalpark aufbrachen. Nicht ganz unbekannt, aber für uns doch unerwartet – und genau deshalb so schön.

Das macht aber nicht glücklich sondern führt dazu, dass man einen Großteil seiner Zeit dafür nutzt, auf einschlägigen Portalen zu suchen, welche Lokalitäten sich am Besten dazu eignen, sich in den gesellschaftlichen Einheitsbrei zu stürzen – und genau das zu tun, was bereits tausende Andere schon vor einem gemacht haben. Viele werden diese Zeilen vielleicht zustimmend nickend lesen, ohne sich explizit mit deren Inhalt zu identifizieren. Aber gehören wir nicht alle dazu? Zu denjenigen, die im Urlaub genau diejenigen Skulpturen, Sehenswürdigkeiten und Gebäude fotografieren, von denen bereits abertausende Bilder online existieren?

Blaues Wasser

Manchmal warten die kleinen Idyllen am nächsten Rastplatz, nur wenige Schritte vom Lärm der Autobahn entfernt.

Gibt man “Akropolis” in die Google-Bildersuche ein, erhält man Abermillionen Treffer. Sie alle zeigen dasselbe Bild der wohl bekanntesten antiken Stadtfestung in Athen, Griechenland: seitlich, aus der Vogelperspektive, mit und ohne Menschen, bei Sonnenauf- und untergang, bei Regen. Dass es sich hierbei um einen historisch wertvollen und sehenswerten Ort handelt, steht außer Diskussion. Aber fragen Sie mal jemanden, der dort war, nach Fotos. Alle Befragten werden mit “Klar, habe ich, Moment” antworten und die Bildergallerie nach den gewünschten Schüssen durchsuchen. Zu sehen bekommt man letztendlich immer das Gleiche, eben aus unterschiedlichen Perspektiven. Es gibt zwar keine Rechnungen, die das belegen, aber ich persönlich bin mir fast sicher: Die meisten Besucher Athens haben mehr Zeit damit verbracht, durch die Linse zu gucken, als das nur wenige Meter entfernte, eindrucksvolle Bauwerk mit dem bloßen Auge zu betrachten.

Kamloops bei Sonnenuntergang

Ebenfalls unerwartet: Kamloops. Ohne vorher nachzuschauen, kürten wir diesen zauberhaften Ort spontan zu unserem nächsten Ziel – es war wunderbar.

Handy vergessen? Gratulation!

Geht man kurz in sich und denkt intensiv nach, kommt man unweigerlich zu dem Schluss dass das Leben für so etwas eigentlich viel zu kurz ist. Wem möchte man eigentlich beweisen, hier oder dort gewesen und dies oder das angesehen zu haben? Ein Ratschlag: Das Smartphone bewusst in der Tasche lassen. Kein vorher Googeln, ob es sich lohnt, für diesen Wasserfall extra anzuhalten. Kein Tripadvisor, um sich von hunderten ebenso Ahnungslosen vorschreiben zu lassen, wo das Essen zu schmecken hat. Weiß man vorher nicht, wie es der Allgemeinheit mundet, gehen man absolut vorurteilslos in das ausgewählte Restaurant. “Sollte gut sein, hat immerhin viereinhalb Sterne auf Tripadvisor” setzt die Messlatte, für dich selbst und das Restaurant, sehr hoch, und die Erwartungen steigen proportional. Wartet man stattdessen bis nach dem Lokalbesuch und stellt dann fest, “Hey, das war super lecker, warum ist das so mies bewertet?” ist das ein viel schöneres Erlebnis. Und so gesehen kann man es dann eigentlich direkt bleiben lassen – noch schöner. Erfahrungsberichte sind nie eine Referenz zur Wahrheit oder Nicht-Wahrheit. Jemand, der ein Review schreibt, berichtet über seine – subjektive – Erfahrung. Hatte der Verfasser einen schlechten Tag, fällt der Bericht negativ aus, auch wenn die Servicekraft bloß vergessen hat, zu lächeln.

Wasserfall mit Regenbogen

Wie aus einem Traum: Zusätzlich zu einem wunderschönen, unerwarteten Wasserfall bekamen wir einen Regenbogen obendrauf. Kann man nicht planen!

Das Gleiche gilt für Sehenswürdigkeiten oder Orte. Macht man sich auf Google oder anderen Suchmaschinen vorher buchstäblich ein Bild von der zu besichtigenden Örtlichkeit, flutet eine schier unendlich lange Liste an Fotos den Bildschirm. Alle davon sehen zauberhaft aus: Der Bilderbuch-Sonnenuntergang strahlt in den schillerndsten Orange- und Rottönen, der Traumstrand ist menschenleer, das Meerwasser türkisfarben und beinahe transparent. Solche Bilder schüren nicht nur Vorfreude, sondern auch Erwartungen. Letztere werden oft enttäuscht, wenn nicht alles so aussieht, wie die mehrfach bearbeiteten Fotos auf Google versprochen haben. “Das sieht ja ganz anders aus, außerdem regnet es die ganze Zeit” schmollt man dann traurig und lässt die Kamera sinken, die man extra mitgebracht hat, um die anderen auf Instagram neidisch zu machen. Das Geheimnis: Vorher nicht alles bis ins kleinste Detail googlen. Sich vorher bewusst nicht über die besten Restaurants und schönsten Aussichtsplattformen informieren. Einfach mal spontan sein und die nächste Ausfahrt mit der Aufschrift “Wasserfall” nehmen, ohne zu prüfen, ob es sich auch wirklich lohnt. Manchmal hat man dann einfach Glück und das Wetter ist toll, das Licht atemberaubend, niemand sonst hier und der Wasserfall tosend, blau und wunderbar. Die schönsten Ziele sind nicht zwangsläufig die, die irgendeine Top-Liste anführen – im Gegenteil. Und das kurze Beweisfoto, dass du hier schießt, hat mit Sicherheit noch niemand aus dem Bekanntenkreis auf dem Desktop. Das ist ein ganz persönliches Erlebnis.

Und das Schönste daran: Die Erwartungen wurden übertroffen. Warum? Man hatte keine.

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