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Weltreise, Instagram, Social Media, Realität, Wahrheit, Indonesien, Ritual, erleben, entdecken, Natur

Dank Instagram gibt es heute Orte, die vor zehn Jahren noch ein völlig einsames Dasein fristeten. Schöne Buchten und Reisterrassen auf Bali, an die Wand gemalte Engelsflügel in Los Angeles, das (aktuell) höchste Gebäude der Welt in Dubai, Safari-Orte und der berühmte Boulder Beach in Afrika. Heute, wo Reisen maßgeblich der Zur-Schau-Stellung der Erlebnisse auf Social Media unternommen werden, stapeln sich an besonders fotogenen Destinationen sogenannte “Instagram-Touristen”, die sich für das perfekte Foto nicht einmal zu blöd sind, stundenlang dafür anzustehen. “Hey, schau mal”, sage ich und stoße Marcel in die Rippen, “wer geht denn im roten Samtkleid durchs Death Valley?” – “Jemand, der hier nur für’s Foto ist”, meint der trocken und tatsächlich kauern hinter der Roten eine ganze Reihe von Fotografen, die riesige Kameras und Reflektoren in die Höhe halten. Nach getaner Arbeit verzieht man sich dann in die Dunkelheit des monströsen Van, um die “Schnappschüsse” noch vor Ort zu bearbeiten und hochzuladen – der Geo-Tag muss ja auch authentisch sein. #nofilter. Laut Instagram selbst – übrigens seit April 2012, und damit zwei Jahre nach Launch, ein Unternehmen von Facebook, gekauft für läppische eine Milliarde Euro – dient die Plattform dazu, “sich mit anderen Nutzern zu vernetzen und ansprechenden Content zu kreieren”, von Selbstdarstellung steht dort allerdings nichts, oder zumindest nur zwischen den Zeilen. Und doch sehen wir auf Reisen so viele Menschen, die das Handy scheinbar unter der Nase kleben haben.

 

Auch wir halten Schnappschüsse fest und machen Fotos von interessanten Orten - der Erinnerung wegen.

Auch wir halten Schnappschüsse fest und machen Fotos von interessanten Orten – der Erinnerung wegen.

Reisen durch die Kameralinse

Ich habe mal eine Touristin beobachtet, die vom Zeitpunkt des Aussteigens bis zum wieder Einsteigen in das Auto ihren Blick nicht vom Bildschirm genommen hat – den szenischen Aussichtspunkt, von dem aus man einen wunderschönen Blick über einen kanadischen Süßwassersee hatte, kennt sie also nur durch die Linse ihrer Kamera. Schade. Vor allem deshalb, da wir auf Weltreise sind und dieses Verhalten an nahezu allen besuchten Destinationen beobachten können – eine echte Verschwendung von Urlaubsgeld, falls jemanden meine Meinung interessiert. “Aber wieso – ihr macht doch auch Fotos”, mag der aufmerksame Leser jetzt vielleicht im Stillen bemerken. Ja, das stimmt, aber wir haben a) ein Magazin zu bespielen, b) legen wir zum Fotos schießen dedizierte Arbeitstage ein und c) machen wir uns vorher Gedanken, wie wir unsere Fotos graphisch gestalten möchten. Wenn wir an den Strand gehen, dann gehen wir an den Strand. Mit Badeklamotten, Handtuch, Flip Flops und ohne den Drang, jeden Brustschwimmzug durch indonesische oder sonstige Gewässer auf der Kamera festzuhalten. Natürlich machen auch wir Schnappschüsse, wenn wir eine tolle Situation, einen Ort oder einen Moment festhalten möchten. Es ist aber ein Unterschied, ob man an einem schönen Ort Erinnerungen kreieren möchte, oder ob man ein Ziel nur deshalb ansteuert, um ein Foto für den Instagram-Feed oder die -Story zu schießen. Mittlerweile vermeide ich es beispielsweise komplett, die Kamera zu zücken, um eine international bekannte Sehenswürdigkeit abzulichten. Damit meine ich beispielsweise die Freiheitsstatue, den Big Ben, den Tokyo Tower oder den Singapore Merlion – alles Motive, die sich auf Google, Instagram, Facebook und Co. häufen. Ein konkretes Beispiel: Instagram ist durch Hashtags durchsuchbar. Gebe ich #empirestatebuilding ein, dann bekomme ich eine Auflistung aller Fotos, die unter diesem Hashtag auf der Plattform hochgeladen wurden – es sind 2,6 Millionen Ergebnisse. Sie alle zeigen das Empire State Building aus unterschiedlichsten Perspektiven, mal bei Tag, mal bei Nacht, mit oder ohne Person(en) im Vordergrund, von unten, oben, der Seite, mal als professioneller Shot, mal als Amateur-Erinnerungsfoto. Fakt ist aber: Ich kann mir auf einer einzigen Plattform knapp drei Millionen Fotos von einem einzigen Gebäude anschauen. Vielleicht sammle ich lieber echte Erinnerungen von Dingen, die ich spontan und bereichernd erlebe, statt vorgegebene Ziele anzusteuern, um auf Instagram das 2,639,291-te Foto hochzuladen.

 

An dieser Stelle hätte ein Foto vom Empire State Building gut gepasst. Wir haben aber keins, darum hier ein Foto, das so wohl nicht auf Instagram zu finden ist: Ein verlassener Strand auf dem wunderschönen Lombok. Nur zwei Stunden mit der Fähre von Bali entfernt und doch nur ein Bruchteil der Selfie-Sticks.

An dieser Stelle hätte ein Foto vom Empire State Building gut gepasst. Wir haben aber keins, darum hier ein Foto, das so wohl nicht auf Instagram zu finden ist: Ein verlassener Strand auf dem wunderschönen Lombok. Nur zwei Stunden mit der Fähre von Bali entfernt und doch gibt es hier nur einen Bruchteil der Selfie-Sticks.

Eine Weltreise ist für die Seele, nicht für Instagram

Um Rückbezug auf den befremdlichen Titel dieses Eintrags zu nehmen: Vor langer Zeit, als auch ich noch Facebook nutzte – tatsächlich habe ich die App aus Gründen der besseren Konzentration in der Prüfungsphase gelöscht und seitdem nicht wieder installiert – gab es eine Gruppe mit dem malerischen Titel: “Kann dieses Brezel mehr Fans als Tokio Hotel haben?” Ich, vor über zehn Jahren selbst eingefleischter Tokio Hotel Fan (Mama, gibt’s eigentlich die Bettwäsche und DVD’s noch?), trat der Gruppe selbstverständlich bei und reihte mich damit in eine Gemeinschaft von mittlerweile 381.116 Köpfen ein. Komisch, oder? Im Nachhinein frage ich mich, ob ich als Kind mal an eine Wand gelaufen bin und wichtige Hirnstrukturen dadurch nachhaltig geschädigt wurden. Heute kein Facebook mehr für mich, keine Brezeln und auch kein Tokio Hotel, aber die Jagd nach möglichst vielen Mitgliedern bzw. Kommentaren und Likes wurde einfach auf eine andere Plattform verlegt. Statt Tokio Hotel folgt man heute dem spektakulären Leben von Justin Bieber und Co, letzterer teilt seine Ess-Habits, Daily News und Vorliebe für die Toronto Maple Leafs übrigens mit stolzen 121.3 Mio. Abonnenten (Klar, da bin ich auch dabei). Die Aufforderung, dem Account seiner zwei Katzen Sushi und Tuna zu folgen, gefällt knapp einer Millionen seiner Fans, und tatsächlich haben @kittysushiandtuna aktuell 533.000 Follower (Stand November 2019). Ich schweife ein bisschen ab – eigentlich will ich darauf hinaus, dass es eigentlich wirklich verstörend ist, wie sehr uns Social Media heutzutage im Griff hat. Man postet ein Foto und hofft auf möglichst viele Likes von Followern, die man zum Großteil überhaupt nicht kennt. Der Grundgedanke dahinter: “Schau mal, wo ich gerade bin. Grüße aus Thailand, ich hab’s viel schöner als du!” Dabei transportiert diese Message selten die ganze Wahrheit. Der eigentliche Gedanke hinter einer Weltreise oder dem Reisen generell sollte sein, neue Ziele zu erkunden, sich mit Kulturen und Menschen vertraut zu machen. Zu entdecken, Natur in sich aufzunehmen, die Welt ein kleines bisschen besser zu verstehen. Herauszufinden, was man eigentlich möchte, welche Rolle man in der begrenzten Zeit, die man auf der Erde hat, einnehmen möchte.

 

Die Überbleibsel einer durchzechten Nacht: Leere Sake-Flaschen nach Halloween, hier in Osaka. Bilder, die zwar die Realität abbilden, aber nicht unbedingt als ästhetisch gelten.

Die Überbleibsel einer durchzechten Nacht: Leere Sake-Flaschen nach Halloween, hier in Osaka. Bilder, die zwar die Realität abbilden, aber nicht unbedingt als ästhetisch gelten.

 

Marcel legt eine kurze Pause an einem "Scenic Spot" ein: Die Betonmauer, die Natur und Parkplatz trennt, ist auf beinahe keinem Foto zu sehen. Der Betrachter des Standard-Fotos geht von unverdauter Sicht auf natürliche Schönheit aus, aber in Wahrheit sieht's eben so aus.

Marcel legt eine kurze Pause an einem “Scenic Spot” ein: Die Betonmauer, die Natur und Parkplatz trennt, ist auf beinahe keinem Foto zu sehen. Der Betrachter des Standard-Fotos geht von unverbauter Sicht auf natürliche Schönheit aus, aber in Wahrheit sieht’s eben so aus.

Auch hinter hässlichen Fassaden kann sich schönes verbergen – und andersrum

Ich habe gemeinsam mit Marcel beschlossen, die Storys auf unserem Instagram-Kanal so zu gestalten, dass auch die weniger schönen Seiten abgebildet werden. Wer das sehen will? Nun, jeder, der an der Wahrheit interessiert ist. Dank Filtern, Photoshop, Lightroom und Co. kann man jedes ordinäre Foto zum Traum-Moment aufpäppeln, und natürlich versuchen auch wir, in Sachen Belichtung und Farbintensität ein bisschen nachzuhelfen. Uns ist aber vor allem daran gelegen, den Zuschauer und Leser auf unsere Weltreise mitzunehmen. An die schönen Orte, die wir besuchen, aber auch an die skurrilen Locations; dorthin, wo es nicht aufgeräumt und fototauglich ist. Zeigen, wie ein Land, die Kultur und Menschen wirklich sind, dass eine Weltreise nicht immer Strand und Großstadt-Zauber bedeutet – ein beträchtlicher Anteil unserer Zeit geht auch dafür drauf, zu arbeiten, oder wie gelangt dieser Artikel wohl auf unsere Webseite? Eben. Immer dran denken: Der Mensch ist ein Darstellungskünstler. Auf die Frage “Na, wie geht’s?” bekommt man fast immer ein gut gelauntes “Super, Danke” zurück, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, man lebe nicht das perfekte Leben. Wie es hinter der Fassade oder jenseits des Bildschirmrandes vom perfekten Urlaubsfoto aussieht? Das bleibt den meisten verborgen.

 

 

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