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Keine Reviews und trotzdem lecker: Streetfood im Iconsiam, Bangkok

Gestern war irgendwie der Wurm drin. Statt müde im Bett zu liegen und an die Zimmerdecke zu starren hätten wir eigentlich raus sollte, was erleben. Aber nach einiger Zeit hat man genug von Sehenswürdigkeiten abklappern und Orte besuchen, die “man aber unbedingt mal gesehen haben sollte”. Wer sagt das eigentlich? Wer hat denn eigentlich behauptet, dass man einen Ort unbedingt mal gesehen haben soll? Klar, Google Reviews. Da steht aber auch nur, was aus einem riesigen Pool an Besuchern genau 25.290 Menschen von einem Tempel in Kyoto, der Freiheits-Statue oder dem Grand Canyon halten. Und mal ehrlich: Die Zeit, die man sich sparen könnte, um ein nerviges Review dazulassen, hätte man besser an Ort und Stelle genossen. So hätte man sich im Nachhinein vielleicht gar nicht erst aufregen müssen. Mit Reviews ist das aber tatsächlich so eine Sache. Zu Beginn einer Weltreise lässt man sich viel zu oft von der Meinung anderer beeinflussen lassen. “Nee”, hört man sich dann vielleicht auf den Vorschlag für ein nettes Café noch sagen, “das ist nur 3,7 bewertet. Lass uns mal lieber woandershin gehen.” Oft landet man dann in irgendeinem total überlaufenen Hipster-Laden, der zwar super bewertet war, aber eben nicht wegen des guten Kaffees. 3,7 Sterne wären da noch großzügig vergeben. Warum man auf Reviews nicht so viel Wert legen sollte.

 

Tegallalang Reisterasse in Ubud mit massig Bewertungen und Reviews

Die Tegallalang Reisterrassen in Ubud haben massig Bewertungen und ziehen zigtausende Besucher an – aber kann man Natur eigentlich bewerten?

Reviews sind selten objektiv

Die Kellnerin schaut irgendwie unzufrieden, außerdem ist es zugig und den Kuchen hätte man schöner anrichten können? Genau genommen wären das aus fünf möglichen Sternen nur zwei, da man immerhin drei Kritikpunkte hervorbringt. Tatsächlich war aber vielleicht einfach die eigene Laune mies, man hat den falschen Tisch gewählt und sollte sich statt auf makellose Optik lieber auf Kriterien wie “hausgemacht” oder “lecker” konzentrieren. Liest man ein schlechtes Review, dann reicht das von “Qualitativ leider nicht das gelbe vom Ei” – was dann ernst zu nehmen wäre – bis hin zu “Service schlecht!!! Musste 10 Minuten warten”, was an einem Sonntag oder in einem gut besuchten Café der Regelfall ist, wodurch die schlechte Bewertung schlicht und einfach ein Produkt von Ungeduld ist. Statt fair zu bleiben, geben viele Besucher statt einem Punkt Abzug einfach gar keine Punkte, und das Restaurant oder Café – oder auch die Sehenswürdigkeit – leidet. Im Gegensatz zu einem Kuchen oder Gericht lässt sich bei einer Attraktion über Qualität und Zutaten nicht einmal streiten. Es ist Geschmackssache, ob einem der Grand Canyon oder die Freiheitsstatue gefällt, aber ihr ein “Gut” oder “Schlecht”-Rating zu geben, dazu sind wir eigentlich nicht bemächtigt. Dass es voll wird und darunter unter Umständen die Authentizität und die besondere Aura leiden? Damit muss man rechnen, wenn man sich für die Haupt-Attraktion in einer Stadt entscheidet. Oft hilft es, vor den Menschenmassen da zu sein, um einen Ort in Ruhe zu genießen – aber bei Sonnenaufgang aufstehen, das will dann auch wieder niemand.

Man bewertet etwas eher, wenn man eine negative Meinung hat

Direkt angeknüpft an den Punkt von eben: Wann bewertet man schonmal etwas mit “War super”? Der Mensch hat es sich irgendwie zur Aufgabe gemacht, vor allem dann laut zu werden, wenn’s was zu meckern gibt. Es fallen viel öfter Sätze wie “Oh Gott war das mies, kriegt ‘ne schlechte Bewertung”, statt Lobeshymnen wie “Das war toll, ich glaube, das teile ich der Welt mal mit”  – zumindest, wenn es um das schriftliche Teilen auf Bewertungsportalen geht. Schade eigentlich, das sollte man wirklich mal ändern. Tatsache ist aber, dass der Großteil aller Besucher, sei es nun Restaurant, Café oder Einrichtung, eben lieber über schlechte Erfahrungen berichtet, als über positive. Negative Meinungen wiederum sind das Produkt von eigener Unzufriedenheit oder Überreaktion, was das Gesamtergebnis verfälschen kann. Also: Auch das Restaurant oder die Attraktion ausprobieren, das bzw. die mit “nur” vier von fünf bewertet ist. Das hat nämlich nicht zwangsläufig zu heißen, dass das Essen schlecht oder die Attraktion nicht sehenswert ist, oder wie oft hast du dein Lieblingsrestaurant schon auf Google bewertet?

Keine Reviews = schlecht?

“Lass uns woanders hin, das hat überhaupt keine Reviews” ist auch einer dieser Sätze, die man viel zu oft von sich gibt. Absoluter Blödsinn. Tatsächlich ist überhaupt kein Review – oder erst gar kein Eintrag auf Google – oft ein Indiz dafür, dass das Essen in diesem Restaurant besonders authentisch oder der Kaffee umso leckerer ist. Man nehme beispielsweise Thailand, insbesondere das facettenreiche Streetfood in Bangkok: Kaum einer der zwischen die Häuserfassaden gedrängten Läden hat sich um eine Google-Platzierung bemüht, Großmutters Hausrezept schlägt jeden Touristen-Schuppen dennoch um Längen. Man sollte sich eher Sorgen machen, wenn man seinen als Geheimtipp geglaubten Lieblings-Foodstall im Nachhinein doch auf irgendeiner Suchmaschine findet – noch dazu mit massig Reviews. In diesem Fall gilt, wie so oft: Weniger ist mehr.

 

Essensstand in Bangkok: Keine Reviews und dennoch superlecker.

Essensstand in Bangkok: Keine Reviews und dennoch (oder genau deswegen?) superlecker.

Manchmal ziert man sich davor, schlechte Reviews zu geben

Es geht aber auch umgekehrt. Manchmal sind die Bewertungen deutlich besser, als die Realität. Ein Beispiel: Viele Reisende nutzen immer häufiger Airbnb, da die Angebote und Unterkünfte auf dieser Plattform häufig günstiger sind, als klassische Hotels. Während man sich in der Hotelbranche offensichtlich nicht scheut, negativ zu bewerten (auf booking.com kann man von “Exzellent” bis “Ganz miserabel” wirklich alles finden), sind Unterkünfte auf Airbnb oft viel zu gut bewertet. Klar, Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel, aber der Großteil aller Appartements und Wohnungen haben klare 5-Sterne-Reviews. Oft schraubt man seine Erwartungen entsprechend hoch, kommt dann am Ziel an, und ist ein bisschen enttäuscht – nicht, weil es so schlecht gewesen wäre, sondern weil man ein 5-Sterne-Erlebnis der Extraklasse erwartet. Ohne die aufgeputschten Reviews hingegen wäre man begeistert gewesen, doch so? Naja, zufrieden eben. Aber warum scheut man sich, auf Airbnb nur vier oder sogar weniger statt der möglichen fünf Sterne zu geben? Wir glauben: Weil man häufig eine Bindung zu den Hosts aufbaut und die neu gewonnenen Freunde nicht in die Pfanne hauen möchte. Außerdem haben wir gelernt, dass die Betreiber der Plattform Nutzer anhand der Ratings sperren können – fallen die Bewertungen unter einen gewissen Punkt, schaut Airbnb drüber und kann Maßnahmen ergreifen. Oft findet man in den Unterkünften daher kleine Zettel mit dem Wunsch, doch bitte ein gutes Review dazulassen – auch in diese Richtung wird das Ergebnis also verfälscht.

Fazit: Öfter mal spontan los und sich überraschen lassen

Sind die Bewertungen zu gut, wird man enttäuscht, sind sie zu schlecht, gibt man einem potenziell schönen Erlebnis erst gar keine Chance. Fazit? Reviews einfach gekonnt ignorieren. Lassen wir uns doch alle öfter mal überraschen. Wir lassen uns ja auch die Freude und zu einem gewissen Teil auch unsere Selbstbestimmtheit nehmen, wenn wir uns von anderen sagen lassen, wo wir es gut zu finden haben. Auf eigene Faust ins Restaurant gehen, den Tempel besuchen oder die Attraktion besichtigen und danach feststellen: Hier hat’s mir gefallen und das spare ich mir beim nächsten Mal.

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